Ich war gerade dabei, meine Fahrschule zu machen. Und er hatte wohl da seine eigenen Erfahrungen gemacht. Mit dem Anhalten. Und das mit Autos, die heute blank geputzt zum Oldtimertreffen vorgeführt werden. Die Geschwindigkeiten damals waren andere als heute. Das Prinzip ist das Gleiche geblieben: Anhalten können ist entscheidend.
Das ist ein schönes Bild für unser Zusammenleben. Wir begeben uns auf den Weg. Wir begegnen uns, wir sehen uns, unsere Wege kreuzen sich. Und es ist gut, wenn auch hier § 1 der STVO gilt:
“1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.”
Das liest sich wie eine Grundregel in der Gewaltfreien Kommunikation: Nehmt aufeinander Rücksicht und belästigt oder behindert eure Mitmenschen nicht mehr als unbedingt nötig. So werdet ihr sicher und unbeschadet an euer Ziel kommen. Nicht wie eine Dampfwalze, die alles platt walzt. Und nicht wie ein Bolide beim Formel 1 - Rennen. Es könnte passieren, dass man zwar am Ziel unbeschadet angekommen ist - aber alleine. Wahrscheinlich ist damit nicht viel gewonnen.
Es geht also darum zu sorgen, dass die Mitmenschen nicht abgehängt werden und auf der Strecke bleiben. Nicht, dass wir jetzt nur noch in Kolonne unterwegs sein sollen, aber bei Fahrten in unbekannte Gegenden - und das ist unsere Zukunft immer - ist es durchaus sinnvoll, nicht allein zu sein. Macht der Reifen platt, geht der Treibstoff aus, hat das Getriebe einen Schaden, dann brauchen wir Unterstützung. Genau so wie in der Familie. Wir haben immer wieder mal Durch-Hänger, Startschwierigkeiten, hin und wieder knirscht es im Getriebe. Das schaffen wir nicht allein. Gut, wenn wir uns darum gekümmert haben, in Begleitung zu sein.
Doch wenn wir gemeinsam unterwegs sind, brauchen wir Regeln, wie das funktionieren soll.
Und da besonders Kinder immer Anfänger sind und als neue Teilnehmer hinzukommen, müssen wir uns immer wieder auf neue Situationen einstellen, die in keinem Regelwerk oder Gesetzbuch genau beschrieben sind. Darum steht Paragraf 1 an erster Stelle: Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme. Defensives Fahren ist angesagt. Vorausschauend agieren. Erahnen, was passieren könnte, wenn ich dieses oder jenes tue oder sage. Rechtzeitig anzeigen, wo es lang geht, in welche Richtung ich möchte.
Bei langen Autofahrten ist es für die Mitfahrer wichtig - besonders bei Kindern - dass sie beschäftigt werden. Jeder braucht eine Aufgabe. Genau wie in der Familie. Jeder braucht das Gefühl, einzigartig zu sein und gebraucht zu werden. Das heißt aber auch, dass jeder seinen Platz einnimmt. Nicht alle drängeln sich auf den Beifahrersitz oder auf einen Platz. Jeder sitzt extra, auch wenn wir früher im Trabi wegen der Enge den Eindruck hatten, alle auf einem Platz zu sitzen. Jeder braucht seinen Platz in der Familie.
Dennoch kann es passieren, dass wir in Fahrt kommen, ohne das geplant zu haben. Dann droht der Zusammenstoß. Auslöser gibt es viele: Einer hat nicht richtig aufgepasst, ein anderer hat nicht gemerkt, wo es lang geht. Es gab Seitenwind oder Gegenverkehr.
Da kommt die Kunst des Anhaltens zum Zuge. Wie schaffen wir es, rechtzeitig anzuhalten, bevor die Schäden groß oder ein Totalschaden entsteht? Das vorausschauende und rücksichtsvolle Fahren ist eine der wichtigsten Möglichkeiten, die wir haben. Aber wir brauchen auch gute Bremsen. Und je schneller wir unterwegs sind, um so wirkungsvoller müssen sie sein. Seit die Fahrräder immer schneller werden,(haben die Radfahrer heute eigentlich mehr Muskeln als vor 10 Jahren?) werden auch dort schon Scheibenbremsen montiert.
Wir haben im Familienzentrum für die zwischenmenschlichen Crashs eine wirkungsvolle “Wutbremse” entwickelt: Zähl bis zehn. Wenn du es geschafft hast, bei einem Zusammenstoß mit einem anderen Menschen
deine Wut so zu bremsen, bis du langsam bis 10 gezählt hast, dann hast du genug Zeit zum Denken, bevor du handelst. Das bewahrt alle Beteiligten vor größerem Schaden. Und es wird weniger passieren, was dir danach leid tut.
Also: Zähl bis 10!
Von Reinhard Grohmann
